Raunächte

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    Die wilde Jagd

    Raunacht Ritual

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Raunächte- Wolfszeit


Die Raunächte – auch bekannt als Wolfszeit – sind eine magische Phase, in der die wilde Jagd des Gottes Odin oder Wotan (Wodan) durch die Dunkelheit zieht. Mit einem von Ziegen gezogenen Schlitten führt er die Seelen der Ahnen und Verstorbenen bei sich. In dieser mystischen Zeit wird den Seelen der Verstorbenen mit Respekt begegnet, indem Brot, Speisen und Getränke für die Götter sowie Licht und Rauch für die Ahnen dargebracht werden.

Während dieser zwölf Nächte werden Haus und Stallungen immer wieder mit Wacholder und Salbei ausgeräuchert, um das Schlechte und Böse des vergangenen Jahres zu vertreiben. Gleichzeitig dient das Räuchern dazu, die Seelen der Ahnen willkommen zu heißen.

Das Alte wird verabschiedet, und neue Kraft wird durch das Entzünden von Feuer und Licht entfacht, um die Sonne in ihrer Wiederkehr zu unterstützen und ein fruchtbares Jahr herbeizurufen. Zudem bieten die Raunächte eine besondere Gelegenheit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Früher wurden dafür traditionell die Runen befragt.

Raunacht

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Die Nacht vor dem Julfest wird als Mütterfest gefeiert – ein heiliger Moment, um die weiblichen Ahnen, die Disen und Nornen, zu ehren. Diese Schicksalsgöttinnen und Geburtshelferinnen stehen in Verbindung mit der Erdgöttin Frigg, die in dieser besonderen Nacht das Sonnenkind zur Welt bringt.

Immergrüne Pflanzen wie Mistel, Stechpalme, Efeu und Tanne symbolisieren das Julfest und verkörpern Hoffnung, Erneuerung und die Wiederkehr des Lichts.

Eine alte Tradition ist das Entzünden des Julbocks. Einst wählte man einen großen Holzstamm aus dem Wald, schmückte ihn mit Wacholder, Stechpalme und Efeu und brachte ihn nach Hause. Dort brannte er über die zwölf Nächte hinweg, und die verbleibende Asche wurde später für Heilzwecke verwendet, um Krankheiten zu vertreiben.

Die Raunächte beginnen traditionell in der Nacht der Wintersonnenwende, die auch als „Zwölfer“ oder „Zwischen den Jahren“ bekannt ist. Neuere Bräuche verlegen den Start auf die Nacht des 25. Dezember, doch nach ursprünglicher Überlieferung markieren die zwölf Nächte eine mystische Zeit. In früheren Tagen versammelten sich Hexen, um Gericht zu halten und besonders über die Vergehen von Bauern und Händlern zu richten.

Die Raunächte laden dazu ein, das Alte hinter sich zu lassen und durch Feuer und Licht neue Kraft zu schöpfen. Es ist eine Zeit, um die Wiederkehr der Sonne zu feiern, die den Boden für ein fruchtbares neues Jahr bereitet. Zudem bieten diese Nächte eine einzigartige Gelegenheit, um einen Blick in die Zukunft zu werfen – in vergangenen Zeiten wurden dafür oft Runen befragt.

Die zwölf Raunächte verbinden das Mondjahr mit dem Sonnenjahr – eine mystische Einschiebung, die beide Zyklen harmonisiert. Während ein Mondjahr mit seinen zwölf etwa 28-tägigen Zyklen 354 Tage umfasst, fehlen elf Tage und zwölf Nächte, um die 365 Tage eines Sonnenjahres zu erreichen. Dieser besondere Zeitraum "zwischen den Jahren" gehört weder vollständig zum einen noch zum anderen Kalender und wird seit jeher als magische, transzendente Phase wahrgenommen.

Es ist die Zeit der Wunder und Mythen, in der Tiere zu sprechen scheinen, Wechselbälger ihr Wesen zeigen, Orakel ihre Weisheiten offenbaren und Geister sowie Dämonen besonders präsent sind. Eine Zeit des Übergangs und des Umbruchs, die tief in alten Bräuchen und Legenden verwurzelt ist.

Traditionell beginnt die mystische Reise der Raunächte in der längsten Nacht des Jahres, der Wintersonnenwende – der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember. Mancherorts wird jedoch auch die Nacht vom 25. auf den 26. Dezember als Anfang angesehen. Doch die Ursprünge der Raunächte liegen tief im heiligen Moment der Sonnenwende, wo die Dunkelheit ihren höchsten Punkt erreicht und das Licht seine Rückkehr beginnt.
Die Verschiebung des Datums der Wintersonnenwende geht auf die Einführung des Gregorianischen Kalenders zurück. Vor dieser Reform galt die Nacht vom 24. auf den 25. Tag des "Julmondes" (Dezember) als die Nacht der Wintersonnenwende. Mit der Angleichung des Kalenders an das Sonnenjahr änderte sich jedoch das kalendarische Datum, und die Wintersonnenwende fiel fortan auf den 21. Dezember.

Während der Raunächte scheint das Jahresrad stillzustehen – ein Moment des Innehaltens zwischen Ende und Neubeginn. In der nordischen Mythologie verweilte die Sonne zwölf Tage lang nach der Wintersonnenwende an ihrem höchsten Punkt, ein Sinnbild für die Übergangsphase zwischen Altem, das noch nicht vollständig gegangen ist, und Neuem, das noch keine volle Kraft gewonnen hat.

In dieser besonderen Zeit entfalten sich die Mächte, die das Rad des Jahres antreiben, und die Ordnung des Alltags wird aufgewirbelt. Die Nächte sind tief und lang, und im hohen Norden bringt die Polarnacht völlige Dunkelheit mit sich – ein mystisches Symbol für Transformation und die stille Geburt neuer Kräfte.

“Die Nordmänner senden in der langen Midwinternacht Boten auf die Gipfel ihrer Berge, um die wiederkehrende Sonne zu erspähen. Dann erhebt sich ein unermesslicher Jubel und man feiert das Fest der frohen Botschaft des Lichts.”

schreibt schon der römische Gelehrte Plinius der Ältere.

Wolfszeit

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Diese Zeit wird in der nordischen Mythologie als die "Wolfszeit der Edda" bezeichnet – eine Phase, in der die Sonne schwarz wird und das Licht vorübergehend verschwindet. Aus dieser Vorstellung heraus entstand der Volksglaube, dass es in den "Zwölften" strengstens verboten war, den "Wolf" (Odin) beim Namen zu nennen.

Die Raunächte, umhüllt von einem geheimnisvollen Zauber, galten als Los- und Orakelnächte – Momente, in denen die Schleier zwischen den Welten dünn und durchlässig wurden. Es war eine Zeit, die dem Lauschen der Runen und dem Forschen nach Weissagungen gewidmet war. Doch zugleich tobte in diesen Nächten ein erbitterter Kampf zwischen den dunklen, todbringenden Mächten der Finsternis und den lebendigen, belebenden Kräften des Lichts.

In dieser magischen Periode soll Odin, der höchste Gott, auf seinem achtbeinigen Ross Sleipnir, dem "Gleitenden", durch die Lüfte geritten sein. Begleitet vom Brausen des Sturms, dem Bellen von Hunden, dem Wiehern von Pferden und den klagenden Rufen der Walküren herrschte eine unheimliche Atmosphäre. Alle Tätigkeiten kamen zum Stillstand – kein Recht durfte gesprochen, kein Wasser aus dem Brunnen geholt und keine Kuh gemolken werden. Dies war eine Zeit des Schweigens und des Innehaltens, in der die Menschen versuchten, die himmlischen Mächte zu versöhnen.

Gleichzeitig überwanden die Menschen ihre Ängste, weiterhin der Kälte und Dunkelheit ausgeliefert zu sein. Es wurde geglaubt, dass Odin den Totengeistern, bösen Wesen und Dämonen während dieser Nächte freien Lauf gewährte. Mit duftendem Weihrauch wurden diese unwillkommenen Gäste jedoch aus den Häusern vertrieben, um Schutz, Frieden und Erneuerung herbeizurufen.

Die Wilde Jagd, ein mythischer Wirbelsturm des Grauens und der Magie, entspringt den alten germanischen Sagen. In frostigen Nächten zwischen den Jahren erhebt sich der einäugige Odin, auch als Wotan bekannt, auf seinem gewaltigen Ross Sleipnir, begleitet von seinem geisterhaften Heer. Mit donnerndem Hufschlag und heulendem Sturm durchschneidet er die Dunkelheit, während die Lüfte vom Echo des Jagdgeschreis und dem Brausen des Windes erfüllt sind.

An seiner Seite reitet manchmal Frigg, die mächtige Erdgöttin, die vielerorts unter verschiedenen Namen verehrt wird: als Frick, Frau Harke im Harz, Frau Holle in Thüringen oder Frau Berchta in Süddeutschland. Doch Frau Holle und Berchta werden in manchen Erzählungen nicht mit Frigg, sondern mit Hel, der Göttin der Unterwelt, in Verbindung gebracht – eine düstere Nuance in der ohnehin schaurigen Legende.

Die Wilde Jagd wird begleitet von einer Schar unheimlicher Kreaturen. Odins Wölfe und Raben streifen durch die Finsternis, während Geister mit unheimlichen Tierfüßen – mal klauenbesetzte Hufe, mal Schwingen – dem Zug eine noch unheilvollere Aura verleihen. Das Brausen der Jagd soll die Schleier zwischen den Welten durchdringen und ist ein Mahnruf, sich nicht mit den ungebändigten Kräften der Dunkelheit anzulegen.

Diese nächtliche Prozession ist ein Sinnbild für Chaos und Übergang, eine Jagd, die die Grenze zwischen Leben, Tod und den geheimnisvollen Mächten dazwischen auslotet. Wer unvorsichtig genug ist, ihr auf ihrer wilden Reise zu begegnen, riskiert, in den Sturm gezogen zu werden – eine Begegnung, die nur die Mutigsten überstehen.

Die wilde Jagdt

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Winterzeit

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In der mystischen Zeit der Raunächte wurden auch die drei Disen Anbeth, Wilbeth und Borbeth geehrt, mächtige Göttinnen, die später christianisiert und als die drei Schutzheiligen Katharina, Barbara und Margareta verehrt wurden. In den Mütternächten zeigten sich die Schicksalsgöttinnen, indem sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sichtbar machten und den Menschen Einblick in die verborgenen Zusammenhänge ihrer Lebenswege ermöglichten.

Die Nornen – jene mythischen Weberinnen des Schicksals – verkörpern die Essenz dieser Zwischenzeit. An ihren unterirdischen Quellen sitzen sie, spinnen den Lebensfaden, bemessen seine Länge und schneiden ihn schließlich ab. Ihr Werk spiegelt das Schicksal wider, das sich aus den Fäden vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Taten formt. In den Raunächten, diesen besonderen Übergangszeiten, war es möglich, das eigene Lebensgeflecht zu ergründen und das Schicksal durch die gewonnene Erkenntnis in neue, positive Bahnen zu lenken.

Die Raunächte dienten nicht nur der Reinigung und dem Abschied vom Alten, sondern auch der Fruchtbarkeit und der Neustrukturierung des kommenden Jahres. Die heiligen Riten der Mütter, ursprünglich tief in den vorchristlichen Traditionen verwurzelt, wurden umgestaltet und in die christliche Praxis integriert. Es wird vermutet, dass der traditionelle Umzug der Heiligen Drei Könige am 6. Januar, der in manchen Regionen noch immer von drei Frauen angeführt wird, ursprünglich den drei heiligen Nornen gewidmet war.

Auch die Segensformel „C+M+B“ (lateinisch: Christus mansionem benedicat – Christus segne dieses Haus) könnte in einem ursprünglichen Zusammenhang stehen: Die Buchstaben könnten für die Runen Kenaz (C, die Fackel – Symbol des Lichts), Ehwaz (M, Bewegung, Entwicklung und Fortschritt) und Berkana (B, Fruchtbarkeit) stehen. Alternativ könnten sie auch die drei heiligen Frauen Katharina, Margareta und Barbara repräsentieren, deren Symbolik tief in der Verbindung von Licht, Wachstum und Schutz verankert ist.

Die drei Nornen, mystische Hüterinnen des Schicksals, verkörpern die Dreifaltigkeit sowie die drei Aspekte der Urgöttin. Jede von ihnen steht für einen besonderen Urprinzipien:

  • Wilbeth symbolisiert die Wiedergeburt und den Neubeginn,
  • Anbeth verkörpert Fruchtbarkeit und Weisheit,
  • Borbeth schenkt Geborgenheit und Heilung auf der Erde.

Ihr heiliges Segenszeichen, dargestellt als "XXX", wird mit der Rune Gebo assoziiert – ein Symbol für Geschenk und Gabe. Dieses Zeichen drückt die Verbindung zwischen Mensch und Mutter Erde aus, welche den Segen für den weiteren Lebensweg spendet. Es erinnert uns daran, dass das Leben selbst ein Geschenk ist, erfüllt von Möglichkeiten und Verantwortung.

In den magischen Nächten "zwischen den Jahren" ruht das Alltägliche, und es öffnet sich ein Raum der Transformation. In dieser Zeit können wir innehalten, unser Inneres ordnen und uns neu ausrichten. Es ist eine Gelegenheit, die eigenen schöpferischen Kräfte bewusst zu nutzen und sie zum Wohle aller einzusetzen. Diese Zeit lädt uns ein, nicht nur Altes loszulassen, sondern aktiv das Neue zu gestalten, getragen von der Weisheit der Nornen und dem Segen der Erde.

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